Autor Thema: Zukunft öffentlicher Dienst?  (Read 13223 times)

Zukunft ÖD

  • Gast
Zukunft öffentlicher Dienst?
« am: 14.09.2019 18:49 »
Hallo,
ich bin neu im Forum und habe mich mal grob quer gelesen, aber keine richtige Antwort auf meine Fragen gefunden.

Ich habe in 2 Wochen ein Vorstellungsgespräch beim Finanzamt.
Das freut mich erst mal sehr, da ich aus der Industrie raus möchte (nicht, weil ich, wie viele meinen, im ÖD einen Lenz schieben  möchte, sondern einfach eine Arbeit suche, mit der ich mich mehr identifizieren kann).

Ausgeschrieben ist die Stelle mit 6TV-L , spätere Entwicklung bis 9 TV-L möglich.

"Einstellung zunächst befristet für ein Jahr. Nach erfolgreicher Beendigung der theoretischen und praktischen Einarbeitung ist die anschließende Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis geplant"

Und hier beginnen meine Fragen. Erst hab ich mich über die Einladung sehr gefreut, aber nach Hinweis einer Bekannten habe ich im Net "Horrorgeschichten" gelesen, dass der öffentliche Dienst kaum noch entfristet.
Ich bin 49 Jahre alt... klar, Probezeit ist immer beim Neustart, aber ich möchte nicht "sehenden Auges" in die Arbeitslosigkeit laufen..
Was meint Ihr? Ist es so, wie das Net sagt, oder kann ich solchen "Aussagen" in der Anzeige vertrauen?

Und zum Gehalt: Wenn ich in die Tariftabellen schaue, kommt mir ja das Grausen. Würde ich auf jeden Fall in der Stufe 1 anfangen, oder wird mir meine Berufserfahrung irgendwie angerechnet?

Und alle sprechen ja immer von so vielen Vorteilen, die man im Öffentlichen Dienst hat? Ist das so, und wenn ja, welche?? (Mir kommt es hier in erster Linie um fianzielle Vorteile an, um evtl. Gehaltseinbußen auszugleichen, z.B. besondere Altersvorsorge, irgendwelche Zulagen, die ich in der Tariftabelle nicht sehe, oder so)

Und nach welcher Zeit (oder wovon hängt das ab) käme man in eine höhere Stufe?)

Ach ja, was mich auch noch wundert... ist es normal, dass das Land 100 Personen für den gleichen Aufgabenbereich für zig Finanzämter sucht???

Ihr seht, ich bin absoluter Laie, entschuldige mich schon mal für die doofen Fragen. Ich hoffe auf Eure Antworten!
Vielen Dank im Voraus!






Spid

  • Gast
Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #1 am: 14.09.2019 19:15 »
Ich beantworte die Fragen in der Reihenfolge, in der sie gestellt wurden:

Nun...
Es gibt im öD hunderte unterschiedliche Arbeitgeber, die - außer daß sie zum öD gehören - wenig gemein haben.

Bei einschlägiger Berufserfahrung von mindestens einem Jahr bzw. drei Jahren besteht Anspruch auf Stufe 2 bzw. 3. Einschlägige Berufserfahrung ist eine solche, bei der die bisherige Tätigkeit nahezu unverändert fortgeführt wird. Förderliche Berufserfahrung kann der Arbeitgeber berücksichtigen. Ansonsten erfolgt die Einstellung in Stufe 1.

Mir ist niemand bekannt, der derlei erzählt.

Der öD hat weder Alleinstellungsmerkmale noch besondere Vorteile, die ihn von AG außerhalb des öD abheben würden.

Die Verweildauer in einer Stufe ist grundsätzlich ihre numerische Bezeichnung in Jahren.

Ja.

Zukunft ÖD

  • Gast
Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #2 am: 14.09.2019 19:31 »
Hallo,
vielen Dank für Deine Antworten. Das hilft mir schon mal etwas weiter.
Ich meinte mit "Vergünstigungen", dass immer behauptet wird, die Versicherungen (KFZ, etc) und Kredite wären günstiger, Rente hoch und gesichert, und sonstige Klischees, die man hört, sobald man auf den ÖD zu sprechen kommt.
Aber wenn das alles nicht zutrifft, dann muss ich mir da auch keine Gedanken machen.
Allerdings habe ich jetzt im Net einen Nettolohnrechner bemüht und da wurde nach "Zusatzversorgung" gefragt, irgendwas mit VBL und %-Zahlen... sowie monatliche Zulagen (in Euro) und "Korrektur Sonderzahlung Ost".
Was muss ich mir darunter denn vorstellen?
Ich wusste nicht, was ich bei der Zusatzversorgung anklicken soll....

Spid

  • Gast
Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #3 am: 14.09.2019 19:45 »
Die „Zusatzversorgung“ ist eine wenig attraktive bAV. Die gesetzliche Rente der TB im öD unterscheidet sich in nichts von der außerhalb des öD. Es gibt Versicherungsgesellschaften, die in einigen Versicherungsarten neben Vergünstigungen für andere risikoaverse Gruppen auch günstigere für Beschäftigte im öD anbieten.

Zukunft ÖD

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #4 am: 14.09.2019 19:53 »
Ah, danke!
Also klicke ich da am besten "keine" an, es ist also freiwillig?

Kannst Du mir noch Deine Einschätzung geben, in wieweit man der Aussage in der Anzeige trauen kann, dass eine Übernahme geplant ist (also wirklich geplant ist und nicht nur zum "Bewerberfang" dient?
Du scheint Dich ja bestens auszukennen :-)

Spid

  • Gast
Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #5 am: 14.09.2019 20:00 »
Nein, die Zusatzversorgung ist nicht freiwillig. Sie ist durch Tarifvertrag verpflichtend und in ihrer Durchführung festgelegt.

Wie soll ich beurteilen, ob ein ungenannter AG tatsächlich nicht nur die Absicht hat, ein befristetes Arbeitsverhältnis unbefristet fortzusetzen, sondern diese Absicht in einem Zeithorizont von mehr als einem Jahr auch tatsächlich in die Tat umsetzen wird?

Max

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #6 am: 14.09.2019 20:05 »
Die VBL ist Pflicht. Freu dich,  da können diese "Fat Cats" im öD richtig absahnen ::)
Bei 3000 Brutto/1000*1,1 Altersfaktor (sinkt nach Alter bis 0,8)*4 = 12 Euro monatliche Bruttorente. Rentiert sich überhaupt nicht.
Eine Garantie der Entfristung gibt es nicht.

WasDennNun

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #7 am: 15.09.2019 09:42 »
Es ist arg unwahrscheinlich, dass du mehr als Stufe 1 bekommst, da du ja noch auszubilden bist.
Man kann ja davon ausgehen, dass du keine einschlägige Berufserfahrung hast.
Und förderliche Zeiten würde man dir wohl nur anerkennen, wenn du der einzige taugliche Kandidat bist und klar sagst: Ich kommen nur wenn ich Stufe x erhalte.

Die VBL als bAV ist ein nettes Zubrot, bezogen auf das was du von deinem Brutto hinzupackst. Einige würden mit dem Geld per Aktionengeschäfte sich möglicherweise eine höhere Rendite erarbeiten. Lohnt aber nicht als Argumentation, da man dem eh nicht entfliehen kann.

öD Tarife bei Versicherungen kannst du dir ja mal selber bei Vergleichsportalen anschauen, ob da was geht. Auch bei Banken kann es von Vorteil sein für Darlehen, aber das als Grund zu nehmen ist auch Unsinn.

Andere Vorteile: wie Arbeitszeitmodel, Umgang mit Arbeitsdruck, .....
ist alles abhängig von der Dienststelle, den Referatsleitern etc.
Ich kann kommen und gehen wie ich will, muss nur meine direkten Kollegen informieren. Andere haben Kernarbeitszeiten.
Gekündigt wurde in meinem Umfeld auch noch nie jemand wegen Minderleistung, noch nicht mal eine angebrachte und tarifliche mögliche Verlängerung der Stufenlaufzeit wurde gemacht. Da ist man safe.

Übernahme? Demographischer Wandel blablba,.... Alterstruktur in den Ämter,.... Personalmangel ..... , fehelnde Beamten und damit Verlagerung auf Tarifbeschäftigte, ....
Glaskugel an: Übernahme wahrscheinlich, wenn man keine obergraupe ist.

Um welchen Bereich geht es denn? in welchen Bundesland.
In Niedersachsen werden z.B. gerade diverse FA fusioniert.

Zappato

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #8 am: 15.09.2019 09:56 »
Die VBL ist Pflicht. Freu dich,  da können diese "Fat Cats" im öD richtig absahnen ::)
Bei 3000 Brutto/1000*1,1 Altersfaktor (sinkt nach Alter bis 0,8)*4 = 12 Euro monatliche Bruttorente. Rentiert sich überhaupt nicht.
Eine Garantie der Entfristung gibt es nicht.

Ganz so übel ist die VBL nun auch nicht, gemessen an dem Eigenbeitrag, den man dafür leisten muss. Mit 49 ist der Altersfaktor natürlich eher schlecht. Wenn man mal von Stufe 1 in E6 ausgeht und (ohne Tarifsteigerungen) einfach hochrechnet, kann man etwas mehr als 200 € Bruttorente daraus erwarten. Klingt wenig? Klar, aber für 200 € monatliche Rente muss man über den Daumen gepeilt 60.000 € Anlagevermögen haben. Das muss man dann mit 49 erstmal aufbauen, wenn man die Schwankungen am Aktienmarkt aufgrund der Zeit vielleicht nicht mehr aussitzen kann. In E6/1 beträgt der VBL Eigenbeitrag keine 50 € pro Monat. Bitte mal die Rendite überlegen, wie man mit 50 € Sparrate pro Monat in 18 Jahren (Rente mit 67) noch auf 60.000 € Anlagevermögen kommen möchte.

Spid

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #9 am: 15.09.2019 10:06 »
Ob irgendein Beitrag - ob in den staatlichen Zwangsversicherungssystemen oder in der bAV - nominell vom AG oder vom AN getragen wird, ist doch Augenwischerei. Der AN muß immer das AG-Brutto erwirtschaften/wert sein, sonst gibt es ihn nicht. Mithin gehört auch der AG-Teil zum Eigenbeitrag, der zu berücksichtigen ist.

Zukunft ÖD

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #10 am: 15.09.2019 10:41 »
Nein, die Zusatzversorgung ist nicht freiwillig. Sie ist durch Tarifvertrag verpflichtend und in ihrer Durchführung festgelegt.

Wie soll ich beurteilen, ob ein ungenannter AG tatsächlich nicht nur die Absicht hat, ein befristetes Arbeitsverhältnis unbefristet fortzusetzen, sondern diese Absicht in einem Zeithorizont von mehr als einem Jahr auch tatsächlich in die Tat umsetzen wird?

Hmm.. dann verstehe ich wiederum nicht, warum man in diesem Berechnungssystem Zusatzversorgung "nein" anklicken konnte....

Natürlich kannst Du das nicht wirklich beurteilen. Mir ging es um eine Tendenz, inwieweit man solchen Aussagen in der Stellenbeschreibung glauben kann.. beworben habe ich mich bei der Finanzverwaltung des Landes NRW.
Für mich ist es verwirrend, dass man gleich 100 Personen für nahezu alle "Filialen" im gleichen Arbeitsbereich sucht...

Zukunft ÖD

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #11 am: 15.09.2019 10:43 »
Es ist arg unwahrscheinlich, dass du mehr als Stufe 1 bekommst, da du ja noch auszubilden bist.
Man kann ja davon ausgehen, dass du keine einschlägige Berufserfahrung hast.
Und förderliche Zeiten würde man dir wohl nur anerkennen, wenn du der einzige taugliche Kandidat bist und klar sagst: Ich kommen nur wenn ich Stufe x erhalte.

Um welchen Bereich geht es denn? in welchen Bundesland.
In Niedersachsen werden z.B. gerade diverse FA fusioniert.

Wieso in der Ausbildung? Meinst Du, weil ich in dem Bereich noch  nicht gearbeitet habe?
Denn mit 49 Jahren verfüge ich ja schon über eine reguläre (freie Wirtschaft) Ausbildung, was auch gefordert war.


Es geht um die Finanzverwaltung des Landes NRW, Grundstücksstelle... da werden zig Leute für alle FA gesucht....

Zukunft ÖD

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #12 am: 15.09.2019 10:46 »
Ich danke Euch für die bisherigen Antworten, wenn sie auch manch neue Frage "aufwerfen".
Aber das zeigt mir schon mal, dass der allgemeine Tenor, was Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft im ÖD angeht, nicht stimmt.
Vielen lieben Dank!!

WasDennNun

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #13 am: 15.09.2019 11:25 »
Wieso in der Ausbildung? Meinst Du, weil ich in dem Bereich noch  nicht gearbeitet habe?
Deswegen sagte ich "Ausbildung".
"Einstellung zunächst befristet für ein Jahr. Nach erfolgreicher Beendigung der theoretischen und praktischen Einarbeitung ist die anschließende Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis geplant"
Du hast Berufserfahrung, aber eben keine einschlägige.
Zitat
Es geht um die Finanzverwaltung des Landes NRW, Grundstücksstelle... da werden zig Leute für alle FA gesucht....
jaja, wegen der Grundsteuerreform, wo alles neu Bewertet werden muss, da ist halt ne Menge zu machen. Darum dieses Attacke auf den Arbeitsmarkt.

Wenn dann alles abgearbeitet ist, dann wird man die guten Übernehmen und für neue Aufgaben einsetzen und die überflüssigen vielleicht nicht.

Zukunft ÖD

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Antw:Zukunft öffentlicher Dienst?
« Antwort #14 am: 15.09.2019 11:45 »
Danke für diese ehrlichen Antworten.
Das macht mir echt Mut  :-[
Sollte es wirklich die Stufe 1 werden, hat es sich eh erledigt. Das wäre ein monatlicher Verlust, den ich nicht verkraften kann.

Aber jetzt weiß ich eher, wie ich das einschätzen muss und werde mich entsprechend vorbereiten.
Vielen Dank!