Wirtschaft geht Bach runter, öffentlicher Sektor wird aufgebläht?

Begonnen von Geschädigter, 21.05.2026 22:29

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Faunus

Auf was musste denn hier jeder bisher wirklich verzichten?

Johann

Ein neu gebautes Eigenheim dürfte im Moment für nahezu jeden hier, der nicht noch externe Geldquellen hat, unerschwinglich sein. In meinem Umfeld war bis zur Zinswende und insbesondere bis vor Corona der größte Punkt, weswegen es nicht geklappt hat, dass man kein passendes Baugrundstück gefunden hat und alle Grundstücke immer sofort weg waren bzw. man im Lostopf leider nicht bedacht werden konnte. Die einzigen, die es danach noch zumindest zu einem gebrauchten und stark renovierungsbedürftigen Haus geschafft haben, wurden Nutznießer eines vorgezogenen Erbes. Die, die einfach nur arbeiten, haben es erstmal aufgegeben.

Wenn man irgendwo schon vor der Zinswende in eine angemessen bemaßte Wohnung gezogen ist und seither dort mit wenig erhöhter Miete wohnt und idealerweise nicht auf einen PKW angewiesen ist, der auch deutlich schneller teurer geworden ist als sich unsere Gehälter entwickelt haben, dürfte man auf wenig verzichten müssen. Gleiches gilt für noch günstig finanzierte Eigenheime. Aber die großen Fragen im Leben sind derzeit irgendwo in der Ungewissheit verschwunden. Ich vermute mal, dass sich dieses Gefühl daher vor allem bei Leuten in der ersten Erwerbslebenshälfte ausdrücken dürfte.

Ozymandias

Zitat von: MoinMoin in 25.05.2026 20:41Sinkt die Lebensqualität?
bezogen auf welche ?
Bezogen auf die letzten 5,10,15,20 Jahre?

Mir gehts was Lebensqualität angeht, trotz der Scheisse, die aktuell passiert doch noch recht gut, wenn ich in die Vergangenheit schaue.


Einfach mal mit Amis auf dem gleichen Bildungsniveau und Karrierelevel vergleichen. Dann bleibt die Spucke stecken.
Beamtenforum betrifft auch die Massenentlassungen im Automobil- und Zuliefererbereich kaum.

MoinMoin

Zitat von: Ozymandias in 26.05.2026 21:21Einfach mal mit Amis auf dem gleichen Bildungsniveau und Karrierelevel vergleichen. Dann bleibt die Spucke stecken.
Beamtenforum betrifft auch die Massenentlassungen im Automobil- und Zuliefererbereich kaum.

Also die müssen täglich 50 min mit ihren Chrysler durchs Land rumpeln um zu arbeiten, während ich nur 7 Minuten radeln darf.

UNameIT

Zitat von: Ozymandias in 26.05.2026 21:21Einfach mal mit Amis auf dem gleichen Bildungsniveau und Karrierelevel vergleichen.

Da darfst du dann aber auch nicht vergessen, die Amis müssen für alles selber vorsorgen und zahlen. Krankenversicherung, Elterngeld, Uni, Rente (aufstockung) etc. Auch sind die Lebenserhaltungskosten deutlich höher (durchschnittlich circa 15%). Da vergleichst du Äpfel mit Birnen.

ike

Man darf Lebensqualität nicht mit Lebensstandard verwechseln!

Fettschwanzmaki

Zitat von: Johann in 26.05.2026 21:16Wenn man irgendwo schon vor der Zinswende in eine angemessen bemaßte Wohnung gezogen ist und seither dort mit wenig erhöhter Miete wohnt und idealerweise nicht auf einen PKW angewiesen ist, der auch deutlich schneller teurer geworden ist als sich unsere Gehälter entwickelt haben, dürfte man auf wenig verzichten müssen. Gleiches gilt für noch günstig finanzierte Eigenheime. Aber die großen Fragen im Leben sind derzeit irgendwo in der Ungewissheit verschwunden. Ich vermute mal, dass sich dieses Gefühl daher vor allem bei Leuten in der ersten Erwerbslebenshälfte ausdrücken dürfte.

Wenn ich mir die "Entwicklung der Wohnfläche¹ je Einwohner im städtischen und ländlichen Raum in Deutschland in den Jahren von 2011 bis 2023" anschaue, dann steigt diese ("städtisch Ost" ging zwischenzeitlich um 1 m² runter, in 2023 wieder auf dem Niveau von 2011).

Und das ist ja nur ein Indikator. Aber natürlich kann ich auch dauerhaft schlechte Laune in meinen 300 m² Luxus Loft haben (natürlich nur für eine Person).

Ich frage mich ohnehin manchmal, wie "die" das alles finanzieren: Neubau, 2 x Auslandsurlaub, neuere Autos, teure Hobbys, Kind/er... und "die" arbeiten überwiegend nicht in der "Oberklasse".

Und viel Spaß in USA: 10-14 Tage Urlaub, z. T. nicht mal "bezahlt", 1.778 Std (im Gegensatz zu den 1.419 Std. in D), "hire and fire", 10-14 Std. Tage, "reiner" Kapitalismus und ein politisches System, das derzeit nicht zum verweilen einlädt.

Und dabei habe ich noch nicht einmal die prekären Arbeitsverhältnisse im Blick, die einer reinen Ausbeutung wohl sehr nahe kommen dürften.

Abschließend die Konsum-Dekadenz... obwohl, auf die Porno-Industrie könnten wir neidisch sein!

Hugo Stieglitz

Zitat von: Fettschwanzmaki in Gestern um 18:51Wenn ich mir die "Entwicklung der Wohnfläche¹ je Einwohner im städtischen und ländlichen Raum in Deutschland in den Jahren von 2011 bis 2023" anschaue, dann steigt diese ("städtisch Ost" ging zwischenzeitlich um 1 m² runter, in 2023 wieder auf dem Niveau von 2011).

Und das ist ja nur ein Indikator. Aber natürlich kann ich auch dauerhaft schlechte Laune in meinen 300 m² Luxus Loft haben (natürlich nur für eine Person).

Ich halte das für einen unzureichenden Parameter, um Wohlstand oder Dekadenz zu messen. Dass die Wohnfläche pro qm steigt liegt an vielen Faktoren. Im genannten Zeitraum sind häufig Kinder der Boomergeneration aus dem Elternhaus ausgezogen. Es gibt eine hohe Scheidungsrate im Vergleich zu den 60ern, mehr Einpersonenhaushalte, einen Immobilienbestand, der nicht auf Einpersonenhaushalte ausgelegt ist.

Und zu den USA, die haben ein höheres Medianvermögen und ein höheres pro Kopf BIP. Deutschland wäre einer der ärmsten amerikanischen Bundesstaaten. Was könnten wir umverteilen und Sozialleistungen anbieten, wenn wir so viel Wachstum hätten. Und: Wir müssten keine Angst vor Russland haben, sondern hätten tatsächlich ein Militär, das uns verteidigen kann.

Alien1973

Um nochmal auf die 200.000 neuen Stellen beim öffentlichen Dienst zurück zu kommen.
Als ich hier vor 10 Jahren angefangen habe, hatte meine Kommune ca. 700 Mitarbeiter. Jetzt 10 Jahre später sind wir auf ca. 900 Mitarbeiter angewachsen.
Dies betrifft aber in keiner Weise die reguläre Verwaltung. Es gibt weder in der Bauverwaltung, noch Ordnungsamt, noch Verkehrsüberwachung usw. eine Stelle mehr. Diese Mehrung ist alleinig auf die IT (hat sich fast verdreifacht) und auf den sozialen Bereich zurück zu führen. Kita-Ausbau, Betreuung von zugezogenen Personen (Angestellte im sozialen Rathaus), Ganztagsschulen usw. sind hier vordringlich zu nennen.

Diese Mehrungen werden den Ländern und den Kommunen vom Bund übergestülpt und die dürfen dann schauen wie sie das bewerkstelligen können. Meine Kommune hat die höchsten Steuereinnahmen ever, und bekommt aufgrund massiv gestiegener Personalkosten seit Jahren keinen Haushalt mehr hin. Meist erst im Nachgang nach 2-5 Monaten. Die Frag ist nur, wie lange geht das noch so? Den meisten kreisfreien Städten in Bayern ergeht es ganz genau so, höre ich jedes mal wenn ich im bayerischen Städtetag bin. Das Wasser steht den Kommunen bis zur Unterlippe....

Von Mehrungen im Gesundheitswesen (rund die Hälfte der Krankenhäuser werden von der öffentlichen Hand betrieben) rede ich hier gar nicht.

Soviel zu den 200.000 neuen Stellen im öffentlichen Dienst. Und wenn man dann noch bedenkt, dass viele Stellen unbesetzt sind braucht man sich nicht wundern, wenn die Wartezeiten trotz gestiegenem Personal ansteigen.




BAT

Bei mir in 35 Jahren eine aufgeblähte Kreisverwaltung von unter 700 auf fast 1.600 Mitarbeiter. Vollzeitäquivalente wohl etwas weniger wegen Teilzeitausbreitung.

Massenhaft auf den sozialen Bereich - aber auch auch recht viel im Bereich Ausländer und Baurecht.

Fettschwanzmaki

Zitat von: Hugo Stieglitz in Heute um 08:24Ich halte das für einen unzureichenden Parameter, um Wohlstand oder Dekadenz zu messen. Dass die Wohnfläche pro qm steigt liegt an vielen Faktoren. Im genannten Zeitraum sind häufig Kinder der Boomergeneration aus dem Elternhaus ausgezogen. Es gibt eine hohe Scheidungsrate im Vergleich zu den 60ern, mehr Einpersonenhaushalte, einen Immobilienbestand, der nicht auf Einpersonenhaushalte ausgelegt ist.

Das stimmt und ich habe mich zu ungenau ausgedrückt, war gestern aber unter Zeitdruck.

In der Langzeitbetrachtung (ab 1950) ist die verfügbare Wohnfläche pro Haushaltsangehöriger dennoch gestiegen, die von Dir angeführten Parameter können hier verstärkend wirken. Ist das ein Indikator für Wohlstand? Ich denke, ja. Sozioökonomisch relativ klar zu beziffern, das untere Einkommensdrittel hat weniger Platz zur Verfügung (Kinder teilen sich ein Zimmer, die Eltern schlafen auf der Wohnzimmercouch). Mittlerweile verlagert sich das in die Mitte, bezahlbarer Wohnraum in Städten, gerade für Familien mit mehreren Kindern, ist knapp.

ZitatUnd zu den USA, die haben ein höheres Medianvermögen und ein höheres pro Kopf BIP. Deutschland wäre einer der ärmsten amerikanischen Bundesstaaten. Was könnten wir umverteilen und Sozialleistungen anbieten, wenn wir so viel Wachstum hätten. Und: Wir müssten keine Angst vor Russland haben, sondern hätten tatsächlich ein Militär, das uns verteidigen kann.

Die Vermögensverteilung in USA ist ja noch ungerechter als bei uns - aber das ist eine andere Debatte.

Für 2026 wird für die USA 2,32 % Wirtschaftswachstum erwartet, in D. 0,5 % oder noch weniger. Hier müsste man sich die einzelnen Sektoren genauer anschauen ("Big Five" usw., oder doch nur eine Blase?). Auch das BIP finde ich als einzelne Bezugsgröße schwierig.

Des Weiteren sollte man sich das "Wirtschaftswachstum" sehr genau anschauen. Kosten des Wachstums (z. Bsp. Umweltschäden) werden externalisiert und/oder nicht in die Preisbildung aufgenommen, aber auch das muss ja irgendwann jemand bezahlen und fließt dann teilweise in das BIP mit ein - eigentlich absurd, krankes Wachstum.

Wenn die Europäer auf EU-Ebene mal ihr Nationaldenken und das nationale Eigeninteresse etwas zurückfahren würden, müsste niemand in der EU Angst vor der Russischen Föderation haben.

Das BIP der EU beträgt 2025 15,94 Billionen , das BIP der Russischen Föderation 2,540 $ (bitte selbst umrechnen), die EU hat ca. 448 mio Einwohner, die RF etwas über 143 mio.

Der einzige "Angstfaktor" ist das Atomwaffenarsenal, ansonsten muss vor Russland niemand Angst haben. Wir haben "den Ostblock" schon einmal totgerüstet...  ;D

Hinsichtlich der Konsum-Dekadenz bemühe ich mal den CO²-Ausstoß/Einwohner, demnach verursacht ein US-Amerikaner ca. doppelt soviele Emissionen wie ein EU-Bürger. Ob das der Weisheit letzter Schluß ist, wage ich zu bezweifeln.

Aber grundsätzlich ist das eine komplexe Betrachtung mit vielen Wechselwirkungen.

"Wochenende, hoch die Hände..." - habe ich im öD gelernt!  ;D

BAT

Hat Europa kein Atomwaffenarsenal?

Habe ich nie verstanden, ist doch egal ob ich 100 oder 1000 Atombomben auf den Gegner werfe. Aber das ist sicher komplexer in vielen Belangen.

Selbstredend ist allein die EU rein strukturell Russland weit überlegen.

MoinMoin

Zitat von: Fettschwanzmaki in Heute um 13:55die EU hat ca. 448 mio Einwohner, die RF etwas über 143 mio.
und wir bitten die USA um Hilfe, die nur 350 Mio Einwohner hat. Finde den Fehler.

NelsonMuntz

Zitat von: Fettschwanzmaki in Heute um 13:55Das stimmt und ich habe mich zu ungenau ausgedrückt, war gestern aber unter Zeitdruck.

In der Langzeitbetrachtung (ab 1950) ist die verfügbare Wohnfläche pro Haushaltsangehöriger dennoch gestiegen ...

Ich mag Deine Ausführungen durchaus, aber hier musste ich leider direkt aussteigen.

Der WK2 mit seinen Folgen und der zeitlichen Nähe zum Jahr 1950 ist sicher bekannt. Ich kann jetzt gerne anekdotisch von meinem Vater (Jg.1940) erzählen, der mit Eltern und 2 Geschwistern in einer 3-Zimmer-Wohnung fast im Luxus lebte ... aber ich kann das auch abkürzen: Wir sollten die frühe Nachkriegszeit nicht als Maßstab nehmen.

Faunus

Ich denke Ihre habt da beide recht.
Es ist so, dass in den letzten 40 Jahren die Wohnfläche/Person um über 10 qm gestiegen ist. Das ist aber eher der immer höheren Anzahl der Single, die nicht in Studios sondern in 2-4-Zimmer-Whg wohnen geschuldet - und wenn es ist, weil die Kinder ausgezogen sind und der Partner verstorben ist und/oder die Kinder heute eine eigene Wohnung beziehen und nicht mehr in WGs ziehen.
Familien dürfen in den letzten 50 Jahren nicht wesentlich an Wohnfläche gewonnen haben.