Abschaffung Teilzeitanspruch

Begonnen von BAT, Gestern um 10:23

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MoinMoin

Zunächst würde es mich interessieren, wie viele von den TZ Menschen "Lifestyle-Teilzeit" machen.
Und wie viele TZ machen, weil sie andere Menschen "nebenher" betreuen.
Oder ihren Job nicht als 40h Job machen, weil sie dann den Klappmann machen würden.

und dann bleibt nur noch die letzte Frage: Wieviel AG würden den TZ Wunsche das AN verwehren, wenn er keinen Anspruch drauf hätte.

Also populistischer Sturm im Wasserglas.

Rowhin

Was halte ich davon? Abstand.

Weder glaube ich, es wäre zielführend, noch glaube ich, dass es dazu kommt.

Ansonsten stimme ich MoinMoin zu. Die wenigsten dürften TZ arbeiten, weil sie einfach Lust darauf haben und finanziell nicht darauf angewiesen sind, Vollzeit zu arbeiten. Sondern weil ihre Lebensumstände es nicht anders zulassen.

UNameIT

und selbst wenn es sich um Lifestyle-TZ, TZ zum Steuersparen oder TZ für die Ehrenamtliche Tätigkeit wäre, wo ist das Problem? Ist genauso ne persönliche Entscheidung, wie jede andere Lifestyle Entscheidung auch (e.g. Haus kaufen, Kinder bekommen, Haustiere etc.)

Beamtenhustler

Ich versteh den Gedanken dahinter: Du kannst dich mit 70% oder noch weniger bereits voll in der KK versichern. Auch mit einem sozialversicherungspflichtigen Minijob hast du bereits vollen Gesundheitsschutz und zahlst relativ sowie absolut gesehen sogar weniger, als jemand der Vollzeit arbeiten geht. Natürlich ist das unfair. Aber Leistung und Mehrarbeit lohnt sich in diesem Land einfach nicht (mehr). Daher kann ich jeden verstehen, der absichtlich und ohne Not in Teilzeit arbeiten geht. Regierung: "Warum die grottigen Rahmenbedingungen ändern, wenn ich einfach Teilzeit verbieten kann?"
Das einzig Gute: Mit der SPD kommt das sowieso nicht.

MoinMoin

Zitat von: Beamtenhustler in Gestern um 12:29Ich versteh den Gedanken dahinter: Du kannst dich mit 70% oder noch weniger bereits voll in der KK versichern. Auch mit einem sozialversicherungspflichtigen Minijob hast du bereits vollen Gesundheitsschutz und zahlst relativ sowie absolut gesehen sogar weniger, als jemand der Vollzeit arbeiten geht. Natürlich ist das unfair. Aber Leistung und Mehrarbeit lohnt sich in diesem Land einfach nicht (mehr). Daher kann ich jeden verstehen, der absichtlich und ohne Not in Teilzeit arbeiten geht. Regierung: "Warum die grottigen Rahmenbedingungen ändern, wenn ich einfach Teilzeit verbieten kann?"
Das einzig Gute: Mit der SPD kommt das sowieso nicht.
Wenn man diese "Ungerechtigkeit" bei der KV ändern will, dann muss man Kopfpauschalen einführen oder alle in die PKV stecken.
Dann lohnt sich Mehr-Arbeit wieder, man hat nur weniger zur Verfügung  8)

Beamtenhustler

@MoinMoin

Nicht zu laut, sonst hört dich noch die CDU.

Hugo Stieglitz

Zitat von: MoinMoin in Gestern um 11:55Zunächst würde es mich interessieren, wie viele von den TZ Menschen "Lifestyle-Teilzeit" machen.
Und wie viele TZ machen, weil sie andere Menschen "nebenher" betreuen.
Oder ihren Job nicht als 40h Job machen, weil sie dann den Klappmann machen würden.

und dann bleibt nur noch die letzte Frage: Wieviel AG würden den TZ Wunsche das AN verwehren, wenn er keinen Anspruch drauf hätte.

Also populistischer Sturm im Wasserglas.
Populistisch kann man den Vorschlag nicht unbedingt nennen.

BAT

Also ich bin da sehr unentschlossen.

Einerseits ist es formell gut, den Anspruch abzuschaffen. Ich bin kein Freund des Paternalismus, auch wenn er positiv gestrickt ist. AG und AN sind Verhandlungspartner auf gleicher Höhe und schließen einen Privatvertrag. Da bitte ich den Staat sich soweit wie möglich rauszuhalten.
Dann gibt es aber auch immer noch Tarifverträge über die ein Anspruch auf Teilzeit bestehen kann.

Andererseits kann ich materiell auf die Zinne gehen, wenn ich solche Vorschläge höre. Ich bin einer der Luxus-Teilzeitler. Die Ursache war aber nicht Work/Life, sondern weil sich Leistung nicht mehr lohnt (von 100 € Brutto blieben seinerzeit gut 38 € über). Es ist bei vielen "der Staat" welcher Teilzeit verursacht. Insofern ist dieser zunächst am Zuge, für die Mitte was zu tun.

Warnstreik

Ich bin bei dem Thema extrem zwiegespalten:
Zum einen Stelle ich mir die Frage, wieso ich als Arbeitgeber nicht die Freiheit habe über die Arbeitszeit meiner Angeboten Stellen zu bestimmen. Es ist Aufwand und kostet Geld eventuell doppelt zu besetzen.
Anderseits ist es ein Punkt, der der Gleichberechtigung massiv entgegen kommt. Beide Partner können so trotz Kinder oder zu pflegenden Verwandten in ihren Jobs bleiben und ggf. sich beide um die Carearbeit kümmern. In meinem Umfeld arbeiten einige zu zweit in Teilzeit (~30h) und teilen eben die Familienarbeit auf. Sonst waren es die Frauen, die Jahrelang nicht gearbeitet haben und sich somit in einer persönliche aber auch finanzielle Abhängigkeit von ihrem Partner gegeben haben.

Insgesamt bin ich der Meinung, dass das Instrument bleiben sollte. Auch wenn viele Familie mit zwei Vollzeitjobs recht problemlos gewuppt bekommen, gibt es die nötigen Voraussetzungen an vielen Orten (noch) nicht. Da ist Teilzeitarbeit dann fundamental wichtig.  Genauso wichtig ist aber auch das Recht wieder in die Vollzeit zurückzukehren. (was aber wiederum für den Arbeitgeber ungleich schwieriger ist)

Edit: Sobald aber neben einer TZ-Tätigkeit auch Sozialleistungen bezogen werden, sollte man prüfen ob die TZ überhaupt begründet ist. (Wohngeld, Kinderzuschuss...)  Auch dass ein Rentenjahr in Teilzeit ein Rentenjahr ist wird dem eventuell nicht gerecht.

Rowhin

Größtenteils lesenswerter Artikel/Kommentar im Spiegel zum Thema. Da hinter der Paywall, hier leider nicht in Gänze zitierbar, aber der Tenor ist: man kann hier diskutieren, aber die Union hat sich mit der Art der Kommunikation dazu keinen Gefallen getan. Das Fazit ist:

ZitatDass ausgerechnet den Wirtschaftsliberalen in der Union Zwangsinstrumente einfallen, um die Zahl der Arbeitsstunden zu erhöhen, entbehrt außerdem nicht einer gewissen Ironie. Positive Anreize wie verlässliche Kinderbetreuung, betriebliche Flexibilität und steuerliche Vorteile wären weit sinnvoller. Connemann hat ihrer Partei und ihrem Anliegen geschadet. Ihr Vorstoß ist kein Beitrag zur Problemlösung. Sondern politischer Krawall ohne Verstand.


Johann

Als Arbeitnehmer fühlt man sich von den Rentnerparteien sowieso immer mehr veräppelt. Kalte Progression steigt, Sozialabgaben steigen, verfügbares Real-Netto sinkt von Jahr zu Jahr, aber wenigstens steigen die Renten. Aus politischer Sicht natürlich sinnvoll, alte Menschen machen immerhin den größten Teil der Wählerschaft aus.

Da ist es nur ein weiterer kleiner Stich in die Rücken der Arbeitnehmer, wenn man ihnen auch noch die Möglichkeit nimmt, auf eigenen Wunsch Teilzeit zu machen. Es wird nur wenige geben, die das Geld wirklich nicht benötigen und deshalb Teilzeit machen. In meinem Umfeld ist es bei den u30 aber relativ beliebt, einigermaßen zeitnah nach Berufsstart einen gewissen Anteil die Stunden zu reduzieren. Habe ich selber auch gemacht und war geil. Die meisten gehen aber genau wie ich selber irgendwann wieder auf Vollzeit, weil man das Geld durchaus gebrauchen kann. Wenn man in Teilzeit 2.500€ netto hat und 2.000€ zum Leben verbraucht, hat man 500€ über. Arbeitet man hingegen voll und hat 3.000€ netto, hat man nach den Lebenshaltungskosten 1.000€, also das doppelte über. Das macht sich schon sehr bemerkbar.

Allerdings braucht es manchmal einfach etwas Zeit, bis man innerlich kapituliert und anfängt zu akzeptieren, dass man jetzt eben 40 Jahre arbeiten muss und dann besser damit klar kommt, dass man den größten Teil der wachen Zeit mit arbeitsbezogenen Dingen verbringt.

Am Ende ist es bei der Teilzeitregelung genau das selbe dämliche Rumgeschwafel wie beim Thema Homeoffice. Es gibt vor allem in großen Organisationen wenig Gründe, die dagegen sprechen und Arbeitgeber lehnen es einfach nur ab, weil sie es können. Irgendein Dummer wird die Stelle trotzdem machen, sind ja nicht alle reich geboren.

Organisator

Zitat von: BAT in Gestern um 10:23https://www.welt.de/politik/deutschland/article69756a7bf5499fb954b64d16/fuehrt-in-die-sackgasse-cdu-fluegel-will-recht-auf-teilzeit-abschaffen-widerstand-von-spd-und-eigener-partei.html

Was haltet Ihr davon?

Bullshit. Schon heute kann der AG Teilzeit ablehnen, wenn es organisatorisch nicht passt. Und wenn es organisatorisch passt, warum sollte der AG es ablehnen?
Insoweit halte ich diesen "Rechtsanspruch" ohnehin für ein stumpfes Schwert - klagen gehen würde da ohnehin keiner.

Für Betreuungspflichten usw. gibts schon einen Rechtsanspruch, den der AG ohnehin nicht ohne Probleme ablehnen kann. Typische Politik des Sturm im Wasserglas. Schade eigentlich, sorgt nur für nutzlose Aufregung.

Einzig sinnvoll ist die Adressierung der Lifestyle-Teilzeit. Finde ich gut. Viele Kollegen sagten mir, dass sie noch nie Vollzeit gearbeitet hätten - Freizeit ist da viel wichtiger (eher die Jüngeren) und die Älteren nehmen eine Gehaltserhöhrung mit und reduzieren in gleicher Weise die Arbeitszeit.

Prinzip der Bürokratie ist, dass jeder ersetzbar ist; also auch dann in Teilen (bzw. Teilzeit).

Tante Hilde

Zitat von: Warnstreik in Gestern um 14:01Auch wenn viele Familie mit zwei Vollzeitjobs recht problemlos gewuppt bekommen, gibt es die nötigen Voraussetzungen an vielen Orten (noch) nicht.

Also ich habe seit 25 Jahren Kinder und die Einzigen Familien, die Vollzeit bei beiden Elternteilen gewuppt bekamen, waren solche, die wirklich viel Geld verdient haben. Also definitiv nicht die Durchschnittsverdienst-Familie. Da ist der normale Alltag schon so auf Kante genäht, dass die Krankheit der Tagesmutter oder Schließung der KiTa alles umgestürzt haben. Das ging nur mit Au Pair, Babysitter oder Zugehfrau abzufedern bzw. mit den Großeltern an der Hand.
Und das wrd ja nicht besser, wenn man die KiTa-Situation anschaut. In der Hinsicht ist es aus meiner Sicht dringend notwendig, das Recht auf TZ zu erhalten.
Damit auch die Väter nicht vom Chef blöd angemacht werden, wenn sie auf 32 Stunden gehen, damit die Mutter, die z. B. Jahre in ihr Studium investiert hat, auch einen adäquaten Job mit 30 - 32 Stunden machen kann.

Ja, und besser oder angenehmer werden die Arbeitsbedingungen auch nicht, wo jetzt mehr personalstellen unbesetzt bleiben, da muss man schauen, dass man sich nicht überarbeitet. Also ich kann jeden verstehen, der aus Gesundheitsgründen reduziert.

Warnstreik

Zitat von: Tante Hilde in Gestern um 17:02Also ich habe seit 25 Jahren Kinder und die Einzigen Familien, die Vollzeit bei beiden Elternteilen gewuppt bekamen, waren solche, die wirklich viel Geld verdient haben.

Ich sag doch - das geht sicher nicht überall. Hier in HH ist die Betreuungssituation allerdings eh schon sehr gut und wird durch den kleinen Kinderknick in den letzten 2 Jahren noch besser, sodass es problemlos möglich ist zu zweit auch zu arbeiten. Eventuelle Ausfallzeiten muss man sich dann eben teilen (oft wird das dann automatisch der Mutter zugeschustert). Gleiches kenne ich aus anderen Bundesländern mit ausreichend Betreuungsangebot, MV zum Beispiel.

Hier ist es überiens sogar andersrum: Gerade die, die wenig Geld verdienen sind auf dieses angewiesen - und haben auch die Chance es durch Arbeit zu verdienen. Die wenigen "Hausfrauen und Mutter" - Mütter oder Väter sind oft Partner von echten Spitzenverdienern oder auch von denen, wo ein Partner massiv weniger verdient und dadurch das Ehegattensplitting ein echter Hausfrauen-Männer-Bonus ist.

Zitat von: Tante Hilde in Gestern um 17:02In der Hinsicht ist es aus meiner Sicht dringend notwendig, das Recht auf TZ zu erhalten.
Damit auch die Väter nicht vom Chef blöd angemacht werden, wenn sie auf 32 Stunden gehen, damit die Mutter, die z. B. Jahre in ihr Studium investiert hat, auch einen adäquaten Job mit 30 - 32 Stunden machen kann.

Da bin ich völlig bei dir...

Zitat von: Tante Hilde in Gestern um 17:02Ja, und besser oder angenehmer werden die Arbeitsbedingungen auch nicht, wo jetzt mehr personalstellen unbesetzt bleiben, da muss man schauen, dass man sich nicht überarbeitet. Also ich kann jeden verstehen, der aus Gesundheitsgründen reduziert.

Das sehe ich indes komplett ander: Seit einigen Jahren haben wir (das erste mal seit Jahrzehnten) einen absoluten Arbeitnehmermarkt und das fast überall. Die großen Druckmittel der Arbeitgeber sind nicht mehr da - die haben/hatten eher Angst, dass ihnen die Leute von der Stange gehen, da sie keine neuen gefunden haben. Gleichzeitig konnte man in den letzten Jahren fast überall und auch jetzt noch oft gut wechseln. Das Erpressungspotential ist somit gesunken.

Am Ende ist das ganze Thema aber sehr sehr oft ein Ding der eigenen Sozialisierung - da gibt es schon deutliche Nord-Süd und vor allem Ost-Westgefälle.