Öffentliche Ungerechtigkeit im Öffentlichen Dienst

Begonnen von hausuadaiviet, 05.03.2026 21:04

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Faunus

Zitat von: ImöDBeschäftigt in 09.03.2026 22:43Gibt auch Wissenschaftsbereiche in denen man garkeine Anstellung bekommt während der Promotion oder höchstens auf Minijob Basis bei einzelnen Übungen für Erstsemester als Leitung o.ä.
Da muss man dann schauen, dass man genügend bezahlte Nebenjobs nebenbei schafft oder ein Stipendium bekommt oder sonst irgendwie an Geld kommt, um wenigstens Essen und Wohnen zu können.

Lass mich raten:
Geisteswissenschaften oder Musikhochschule?
Sozialbereich könnte es auch noch sein  ???

Aber egal! Diese Vorgehensweise nenne ich dann schon "übel".

MeTe

An den Fragesteller: Ist alles nichts neues. 100h-Wochen, davon 20h bezahlt, die restlichne 80h unbezahlt (ohne Freizeitausgleich). Monate durcharbeiten ohne einen freien Tag (inkl. Feiertage und Wochenenden), während des Urlaubs sowieso. Wer nicht mitmacht bei der kranken Menschenschinderei, es wagt aufzubegehren, oder eben nur das arbeitet das bezahlt wird oder es wagt im Urlaub nicht zu arbeten, dessen 6 Monatsvertrag wird eben nicht um weitere 6 Monate verlängert und ist raus...

Problem ist, Verdi interessiert das nen scheiss ("Die verdienen später noch mehr als genug", ist halt über E9...), die Länder interessiert es nen scheiss (müsste ja sonst mehr bezahlen), die Unis interessiert es nen scheiss (denen kommt es sehr recht hochqualifizierte Fachkräfte mit Master-Abschluss zu nem Bruchteil des Mindestlohns zu beschäftigen) - also wer oder was soll daran etwas ändern?

Solange es noch genug motivierte und leistungsbereite junge Leute gibt die sich diesen Dreck freiwillig antun wird es auch so bleiben.

Ist absurd, ist unverschämt, aber so ist es eben. Für Doktoranden interessiert sich niemand...

ExponentialFud

Ich mag dieses Herumgeblöke, wie Unis und Professoren doch die armen Doktoranden ausnehmen, überhaupt nicht.

Doktorandenstellen finanzieren sich entweder aus dem Haushalt der Institute, also Steuergelder, oder aus Drittmitteleinwerbungen bei DFG oder BMBF oder EU, also Steuergelder. Wer da eine bessere Finanzierung verlangt, muss DFG, EU und Universitäten mit wesentlich mehr Mittel ausstatten oder hinnehmen, dass es wesentlich weniger Doktorandenstellen gibt.

Wer längere Vertragslaufzeiten will, muss hinnehmen, dass entsprechend weniger Stellen ausgeschrieben werden und entweder ganze Jahrgänge keine Chance auf Stellen haben oder der Prozentsatz derjenigen, der eine Stelle angeboten bekommen kann, wesentlich kleiner wird.

Wer gar mit Ende 20 Anfang 30 nach Dauerstellen schreit, sitzt auf diesen dann knappe 40 Jahre. Solange ist die Stelle weg. Derzeit ist sie wegen WissZeitvertrG maximal 6 Jahre weg. Wer also weiterhin die Chancen auf Stellen nicht reduzieren will, der muss die Ausstattung knapp versiebenfachen. Kein Problem oder?

Es sind nicht die Professoren, die nicht wollen. Das Geld für eure Forderungen ist nicht da, bzw. es wäre eben nur einmal da und für die nächsten Kohorten dann für sehr lange Zeit nicht mehr.

MeTe

#18
Ich halte das für eine sehr seltsame Argumentation...

Bei keiner 'normalen' Arbeitsstelle der Welt käme jemand ernsthaft auf die Idee zu fordern, man solle einfach jedem Arbeitnehmer nur die Hälfte der Arbeitszeit bezahlen (und die andere Hälfte soll er unbezahlt arbeiten) damit man mehr Leute einstellen kann. Bei Doktoranden wird aber genau das ständig gemacht und dann auch noch schön geredet.

Wie gesagt, für die interessiert sich halt keiner, das ist der Kern.

Ich kann nur wiederholen, würde man sagen, der (was weiß ich) Straßenfeger soll jetzt nur noch die Hälfte der Arbeitszeit bezahlt bekommen und die restliche Zeit unbezahlt fegen, damit man doppelt so viele Straßenfeger einstellen kann - das wäre ein völliger absurder Vorschlag über den nicht mal diskutiert werden würde weil er so absurd ist. Aber bei Doktoranden ist es ok weil blablablabla...

Ändern wird sich das natürlich nicht  - weil es genug gibt die motiviert genug sind es trotzdem zu machen, genug die es schön reden und das System einfach eingeschwungen ist bzw. sich etabliert hat. (Ich bin übrigens kein Doktorand, auch nicht an ner Uni, aber auch als aussenstehender sollte einem ersichtlich sein wie absurd das alles ist)

ExponentialFud

Eine Doktorandenstelle ist keine normale Arbeitsstelle. Sie führt zu einem Qualifikationsziel und ist bis zum Erreichen dieses Ziels befristet. Danach entfallen Vertrags- und Befristungsgrund.

Dem Straßenkehrer steht ein solches nicht offen.

MoinMoin

Zitat von: ExponentialFud in Gestern um 15:58Eine Doktorandenstelle ist keine normale Arbeitsstelle. Sie führt zu einem Qualifikationsziel und ist bis zum Erreichen dieses Ziels befristet. Danach entfallen Vertrags- und Befristungsgrund.
Eben, wenn man Vollzeitbezahlung für Promotion fordert, dann kann man auch Entgelt für Studenten fordern.
Ich habe zwar auf Vollzeitstellen promoviert (keine Doktorandenstelle), allerdings habe ich dabei auch die Drittmittel eingeworben und die Projekte betreut und in diese Inhalten für meine Arbeit nutzen können.

ExponentialFud

Ich auch.

Und ich bezahle meinen Doktorandinnen und Doktoranden heute auch Vollzeitstellen. Fachrichtung MINT. Trotzdem brauchen die 50, 60 Wochenstunden wenn es in drei Jahren etwas mit Topnote werden soll. Gejammert hat noch keine/r. Die wissen genau, dass die Nachbarlehrstühle nur 75% zahlen, und auch keinen Mangel an Nachfrage haben.

clarion

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, da ist etwas dran. Aber die Regeln müssen für alle einheitlich sein. Und Nachwuchs WiMi dürfen m.E. nicht für Daueraufgaben in Lehre und Verwaltung eingesetzt werden. Bei uns war es seinerzeit unmöglich, die Diss in drei Jahren durchzuziehen, auch nicht auf DFG Stellen. In meinen Verträgen stand im übrigen seinerzeit, dass mir die Gelegenheit zur Promotion gegeben würde.

Ich verstehe die Argumentation beider Seiten, ohne Befristung wird es nicht geben, aber diese befristete Zeit sollte man ohne Existenznöte gestalten können.

MoinMoin

Zitat von: clarion in Heute um 08:01Lehrjahre sind keine Herrenjahre, da ist etwas dran. Aber die Regeln müssen für alle einheitlich sein. Und Nachwuchs WiMi dürfen m.E. nicht für Daueraufgaben in Lehre und Verwaltung eingesetzt werden. Bei uns war es seinerzeit unmöglich, die Diss in drei Jahren durchzuziehen, auch nicht auf DFG Stellen. In meinen Verträgen stand im übrigen seinerzeit, dass mir die Gelegenheit zur Promotion gegeben würde.

Ich verstehe die Argumentation beider Seiten, ohne Befristung wird es nicht geben, aber diese befristete Zeit sollte man ohne Existenznöte gestalten können.
Wer bei einer 50% EG13 Stelle Existenznöte hat...
Und ich kenne es von den Landesstellen so, das man zu 30% für die Promotion freigestellt ist und der Rest Lehre etc. bedeutet.
Wer geschickt ist, nutzt Teile davon für die Promotion, sprich Diplomarbeiten, die einen zuarbeiten etc. und wer Pech hat wird vom Prof verheizt.
Und klar gibt es auch viele Bereich, da kann man froh sein überhaupt bezahlt zu werden.
Brauchen wir da aber mehr Regelungen?

MeTe

#24
ZitatEben, wenn man Vollzeitbezahlung für Promotion fordert, dann kann man auch Entgelt für Studenten fordern.

Quatsch. Doktoranden arbeiten für ihr Geld, haben Lehrverpflichtungen, machen jeden Mist bis hin zu Handlangertätigkeiten die eben anfallen, arbeiten also für andere wie jeder normale Arbeitnehmer auch und promovieren eben nicht nur so vor sich hin. Zumindest alle die ich kenne. Wenn Studierende Übungen etc. übernehmen werden sie natürlich auch bezahlt.

Zitat von: ExponentialFud in Gestern um 15:58Eine Doktorandenstelle ist keine normale Arbeitsstelle. Sie führt zu einem Qualifikationsziel und ist bis zum Erreichen dieses Ziels befristet. Danach entfallen Vertrags- und Befristungsgrund.

Wenn es denn so wäre, das ist doch nur die Ausrede... Üblich ist doch dass man in der bezahlten Zeit irgendwas macht wie Lehrverpflichtung (Prüfungen korrigieren, Übungen oder Seminare abhalten), Studierende betreuen, Bachelor-/Masterarbeiten korrektur lesen bis hin zu Kabel verlegen oder Hof fegen oder was weiß ich - aber eben nicht promovieren. Das macht man in seiner Freizeit, nicht in der bzeahlten Zeit. Sicher nicht überall aber erneut - bei allen die ich so kenne absolut üblich.

Damit fällt die ganze (aus meiner Sicht) Pseudo-Rechtfertigung in sich zusammen.

ZitatLehrjahre sind keine Herrenjahre, da ist etwas dran.

Und das halte ich genauso für absurd. Es handelt sich um hochqualifizierte Fachkräfte mit Masterabschluss (der zweit höchsten Qualifikationsstufe nach EQR die es überhaupt gibt), nicht um Lehrlinge... Auch wenn man sie wie welche behandelt.

Aber gut, man ist damit aufgewachsen also findet man das alles irgendwie normal oder in Ordnung. War ja schon immer so. Oder man findet es grundsätzlich in Ordnung. Ich für meinen Teil halte es für eine bodenlose Menschenschinderei und Ausnutzung motivierter junger Leute die in 100h-Wochen geradezu verbrannt werden und dafür mit einem Gehalt auf Bürgergeld-Niveau abgespeist werden.

Rowhin

"Üblich" bei Promotionen ist erstmal gar nichts, da sich die Situationen zwischen Fachbereichen, Universitäten, Instituten und spezifischen Lehrstühlen massiv unterscheiden. Der eine Doktorand hockt auf einer 100% Stelle und hat außer seinen zwei SWS und der eigenen Promotion nichts zu tun, während die Doktorandin einen Fachbereich weiter 50% hat aber faktisch 80h die Woche arbeitet, ohne davon etwas für die Diss gebrauchen zu können.

Der Punkt, bzw. Einer der Ausschlaggebende Punkte, ist einfach die völlige Abhängigkeit vom eigenen Prof.

Was korrekt ist, ist dass außer den Doktorandinnen und Doktoranden selbst niemand ein ausgeprägtes Interesse hat, daran strukturell was zu ändern.

MoinMoin

Zitat von: MeTe in Heute um 08:51
ZitatEben, wenn man Vollzeitbezahlung für Promotion fordert, dann kann man auch Entgelt für Studenten fordern.

Quatsch. Doktoranden arbeiten für ihr Geld, haben Lehrverpflichtungen
Ich schrieb nicht von Doktorantenstelle, sondern Vollzeitbezahlung für Promotion die hier offenbar gefordert wird!
Also NIX Quatsch!
Da hast du wohl den Kontext nicht richtig verstanden.

Faunus

Zitat von: Rowhin in Heute um 12:16"Üblich" bei Promotionen ist erstmal gar nichts, da sich die Situationen zwischen Fachbereichen, Universitäten, Instituten und spezifischen Lehrstühlen massiv unterscheiden. Der eine Doktorand hockt auf einer 100% Stelle und hat außer seinen zwei SWS und der eigenen Promotion nichts zu tun, während die Doktorandin einen Fachbereich weiter 50% hat aber faktisch 80h die Woche arbeitet, ohne davon etwas für die Diss gebrauchen zu können.

Der Punkt, bzw. Einer der Ausschlaggebende Punkte, ist einfach die völlige Abhängigkeit vom eigenen Prof.

Was korrekt ist, ist dass außer den Doktorandinnen und Doktoranden selbst niemand ein ausgeprägtes Interesse hat, daran strukturell was zu ändern.

Wer lieber 3-5 Jahre kuscht, weil er/sie der Konfrontation mit dem Vorgesetzten aus dem Weg geht, wird m.M. nach später ein  Vorgesetzter, der nach oben kratzen & nach unten treten wird - wie immer derjenige unten und oben definiert.
Früher hatte man Lehrstühle mit 70-150 MA und einem Ordinarius, der den Lehrstuhl zu seiner Größe aufbaute und führen können musste (mit welchem Stil auch immer), um diesen dahin zu bringen.
Heute hat man sowas wie "Mini"-Lehrstühle, deren Tenure Track Prof. noch eine Sekretärin stundenweise für die Wo. zugeteilt wird und ansonsten die Finanzierung von Stellen einwerben müssen. Wenn diese sich 6 Jahre lang als willfährig erwiesen haben, dann erhalten sie eine verbeamtete Lebensstelle. Die müssen also bis zu 6 Jahre lang beweisen, wie sie das Maximum an "aufgeblasenen" Ergebnissen mit dem Minimum an Finanzen rauspressen.

Ich bin der Meinung, dass daher die Situation für die Jungwissenschaftler noch schlechter geworden ist. Früher hat sich der Ergebnisdruck auf viele Schultern verteilt und da war noch der eine oder andere, der den Mut hatte, den Chef in die Realität zurückzuholen...
Also wenn ich mal "frisch Berufenen" nach dem Arbeitszeitgesetz frage... entweder kennen sie die Inhalte nicht oder aber glauben, dass diese in der Forschung nicht gelten 8) Sie geben weiter, was sie gelernt haben - unreflektiert! Das finde ich so erschreckend.

Es gibt nach wie vor - und trotz der beschissenen Situtation - kein Mangel an Nachwuchs in der Wissenschaft. Warum ist das so?



 



cyrix42

Zitat von: MoinMoin in 10.03.2026 10:56Also ich kenne es so, dass bei einer 100% Stelle 30% für die Promotion /Qualifikation eingepreist ist. Und nicht 100%

§53 Hochschulrahmengesetz

Zitat(2) Soweit befristet beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Aufgaben übertragen werden, die auch der Vorbereitung einer Promotion oder der Erbringung zusätzlicher wissenschaftlicher Leistungen förderlich sind, soll ihnen im Rahmen ihrer Dienstaufgaben ausreichend Gelegenheit zu eigener wissenschaftlicher Arbeit gegeben werden.

Niemand hat gesagt, dass auf einer Qualistelle ausschließlich an der eigenen Promotion gearbeitet wird. Aber genauso wie Aufgaben in der Lehre, (in der Medizin in der Krankenversorgung), im Transfer und der akademischen Selbstverwaltung ist auch die Forschung eine wesentliche Aufgabe, die die Stelleninhaberin/ der Stelleninhaber von seinem Arbeitgeber zur Ausübung übertragen bekommen hat. Das ist kein Privatvergnügen, was nebenbei auch bezahlt wird (wie manche hier scheinbar unterstellen), sondern Dienstaufgabe. Und dafür muss natürlich auch entsprechend Arbeitszeit bereitgestellt werden.

Wer eine Person mit 50% Teilzeit beschäftigt, kann auch nur 50% der Arbeitsleistung erwarten...

cyrix42

Zitat von: ExponentialFud in Gestern um 15:58Eine Doktorandenstelle ist keine normale Arbeitsstelle. Sie führt zu einem Qualifikationsziel und ist bis zum Erreichen dieses Ziels befristet. Danach entfallen Vertrags- und Befristungsgrund.

Doch, eine Doktorandenstelle ist eine ganz normale Arbeitsstelle. Da wird ein Arbeitsvertrag geschlossen und es werden Aufgaben übertragen. Wenn die Finanzierung an Projektgelder gebunden ist, die nur zeitweise zur Verfügung stehen, ist die Befristung klar. Wenn diese aber aus dem Grundhaushalt des Arbeitgebers getragen werden; warum sollte es hier eine Möglichkeit der sachgrundlosen Befristung über die maximal 2 Jahre des Teilzeit-und-Befristungs-Gesetzes hinaus geben?

Und, wie schon geschrieben: Ich kenne bisher trotz Tätigkeit an mehreren Unis keine Stelle, an der auf einer Qualifikationsstelle ausschließlich die eigene Weiterqualifikation als Dienstaufgabe übertragen worden wäre. M.E. fordern sogar alle Bundesländer für Qualifikationsstellen, die aus dem Grundhaushalt bezahlt werden (also nicht über Drittmittel), dass Aufgaben in der Lehre usw. übernommen werden. Diese Aufgaben fallen mit Erreichen des Qualifikationsziels nicht weg. Und sie bilden typischerweise sogar den Großteil der übertragenen Tätigkeiten!