Neueinstellung unter unerfüllbaren Voraussetzungen

Begonnen von sark, Gestern um 09:34

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sark

Hallo.

Erster Post, eben angemeldet. Achtung, wird moderat lang, ist leider ein so mittel-komplexes Thema. Ich suche ultimativ Rat bezüglich der Frage, was man macht, wenn die Stellenbeschreibung, mit der man angestellt wurde, unerfüllbar ist.

Hintergrund: Ich habe vor ca. zwei Jahren, und nach 30+ Jahren Tätigkeit in der Wirtschaft, als "Neuling" in den ÖD gewechselt. Ich bin nun bei einer großen kommunalen Behörde, in Stabsstelle unter Hausspitze.

Meine Tätigkeit liegt in einem hoch komplexen Bereich, der umfassend mit Digitalisierung und Sicherheit zu tun hat.

Dem liegt natürlich eine Tätigkeitsbeschreibung zu Grunde. Leider ist diese Tätigkeitsbeschreibung aufgrund der Rahmenbedingungen derzeit faktisch gar nicht erfüllbar. Ich muss stark annehmen, dass sie aufgrund der komplexen Natur der Tätigkeit ohne genaues Verständnis der Gegebenheiten formuliert wurde; möglicherweise sogar von externen Beratern. Ich sehe auch nicht, dass sich trotz Bemühungen der obersten Leitung an dieser Unerfüllbarkeit kurz- bis mittelfristig etwas ändern lassen wird.

Bei meiner Tätigkeit kommt dazu, dass es deutschland- und europaweit umfangreiche Vorstellungen bei allen möglichen Behörden und Verbänden gibt, wie meine Tätigkeit auszuüben ist. Diese Organisationen wenden sich damit an meine Funktion, und an die Behörde erwachsen in allen Bereichen daraus Forderungen, Dinge einzuführen und umzusetzen. Hier gibt es (leider) aber teils keine eindeutigen Rechtsgrundlagen, oder es ist (meines Erachtens ganz bewusst) in dem Bereich eine sehr schwammige Rechts- und Gemengelage und damit auch ungenügende Mittel zur Erfüllung dessen, was weithin als nötig angesehen wird.

Das führt dann zu den beiden Kernen des Pudels:

Erstens: Es wird von Gesetzgeber und Verbänden erwartet (aber leider eben nur unzureichend gesetzlich kodifiziert, bzw. nur implizit abzuleiten), dass Hausspitzen in meinem Bereich eine verbindliche, strategische Marschrichtung vorgeben. Als Stabsstelle kann ich das nicht, ich soll, wie ein Datenschützer, auf Wunsch der erweiterten Leitung alleinig beratend tätig sein; gleichzeitig aber die aus den oben skizzierten Forderungen erwachsenden Probleme lösen.

Dies ist, bei allem Guten Willen und aller Präzenz und Apellen an Freiwlligkeit unter 1000+ Mitarbeitenden, ohne strategische Weichenstellung der Leitung unmöglich. Tatsächlich haben mir verantwortende Teile des Hauses unterhalb der Hausspitze mit deutlichen Worten angekündigt, jegliche Kooperation einzustellen, wenn ich anstreben sollte, die weithin geforderten Konzepte, zu deren Erstellung und wohl auch Umsetzungskontrolle ich beschäftigt bin, über die dafür vorgesehenen Instrumente einzusteuern.

Zweitens: Aufgrund eines besonderen Gesetzes in meinem Bundesland sind für meine Tätigkeit wesentliche Teile der Verwaltung mit allen Rechten und Pflichten in eine Körperschaft Öffentlichen Rechts ausgelagert worden. Die führen jetzt operativ den Job der Verwaltung aus, und zwar das, was ich in meiner Tätigkeit steuern, beaufsichtigen und regulieren müsste; betreiben bei Rechten und Pflichten ein "Rosinenpicken" und lassen mich keine Einblicke nehmen und auch mich, oder die Hausspitze, nicht die nötige Kontrolle ausüben. Und haben zudem jüngst über meinen Kopf hinweg an meine Leitung impliziert, ich soll mich bei der Ausübung meiner Tätigkeit bis auf Weiteres mal zurück nehmen.

Auch wenn die oberste Hausspitze durchaus (in zeitlich begrenztem Rahmen) ein offenes Ohr für die Problematik hat, sind uns hier bislang die Hände gebunden, da wir Verwaltungsteile, rechtskonform nach Landesrecht, aus der Hand gegeben haben und darüber nun nicht mehr die (alleinige) Steuerung ausüben.

Tatsächlich haben mir verantwortende Leitende auch jüngst gesagt, dass sie auch (jetzt) sehen, dass die Rahmenbedingungen meine Tätigkeit faktisch kaum möglich machen.

Ich bin täglich damit konfrontiert, dass viele Mitarbeitende unter mehr als eintausend hilfesuchend zu mir kommen und von mir erwarten, insbesondere im Bereich IT-Operations und Ansprüchen von anderen Behörden steuernd einzugreifen; aufgrund der geschilderten Konstellation ist das aber fast nie möglich.

Das Ganze jetzt bitte nicht falsch verstehen; ich bin trotzdem sehr produktiv und präsent, aber es ist aufgrund der Rahmenbedingungen aber eben alles nicht das, was eigentlich in dieser Funktion nötig wäre.

Persönlich habe ich inzwischen reichlich Schlafprobleme über diese Gemengelage gehabt und bin wohl auch kurz vor einem Burn-Out.

Nebenbei, ich bin auch im Vergleich zu anderen Stellen dieser Art im landesweiten Vergleich eigentlich zu niedrig eingruppiert; die Hausspitze hat mir bereits vor einem Jahr gesagt, ich soll eine Höhergruppierung umgehend anstreben, aber mir ist das zu dumm, für eine Höhergruppierung Argumente ins Feld zu führen für Dinge, die ich tun müsste, aber mangels strategischer Unterstützung und Rahmenbedingungen gar nicht tun KANN. Das widerspricht irgendwie persönlicher Integrität.

Ich denke aktuell akut daran, mich nach alternativen Jobs anderweitig umzuschauen oder sonstwie "hinzuwerfen". Mein Vorgänger hat auch nach relativ überschaubarer Zeit hingeworfen.

Ich frage mich aber:

Darf es sein, dass der ÖD Tätigkeitsbeschreibungen formuliert, die faktisch gar nicht erfüllbar sind, oder die in einem Umfeld bestehen, in dem sie nicht leistbar sind?

Ja, die dafür Verantwortlichen wussten es seinerzeit sicher nicht besser; viel von der Gemengelage habe ich überhaupt erstmal aufgedeckt und ins Bewusstsein der Verantwortlichen gebracht. Aber trotzdem, ich habe für den Job gute Teile meines Lebens umgeworfen und hab nun nichts außer Frustration und schlaflose Nächte ...  :o

p.s. "Melden macht Frei" und "Wer schreibt, der bleibt" sind mir bereits bekannte Konzepte (ebenso das dann als Gegenthese oft angeführte Argument des "Bösgläubig machens"). Ich mache mir da keine Sorgen, entlassen zu werden; ich suche Tips, wie man darüber hinaus mit dieser blöden Situation umgeht.

Danke schön!  :)

clarion

Hallo,

Du scheinst eine Aufgabe erfüllen zu müssen, die vom Gesetz oder der Politik von außen in Deine Organisation getragen wurde. Die sonstigen Mitarbeiter stehen nicht hinter der Aufgabe und haben dadurch Mehrarbeit, oder finden sie einfach nur überflüssig.

Du kannst Kooperation nur dann bekommen wenn die Führungskräfte, sowohl der Behördenchef wie auch die Ebene darunter eine Mitwirkung der übrigen Mitarbeiter durchsetzen. Das erreichst Du nur, wenn Du "petzt". Also musst Du dem Behördenleiter die ungeschminkte Wahrheit verkünden, nämlich dass Du wegen fehlender Mitwirkung ganzer Unterorganisationseinheiten nichts bewirken kannst.

Du selbst müsstest für Dich prüfen, ob Du überzogenen oder unpraktikable Dinge durchsetzen willst.

Insgesamt wird es vermutlich aber gesünder für Dich sein, Du suchst etwas Neues.


Rowhin

Zitat von: sark in Gestern um 09:34Tatsächlich haben mir verantwortende Leitende auch jüngst gesagt, dass sie auch (jetzt) sehen, dass die Rahmenbedingungen meine Tätigkeit faktisch kaum möglich machen.

Ist es denn bei dieser Aussage geblieben, oder haben sie irgendwie signalisiert, nach Lösungen zu suchen? Setzen sie sich hin und sagen "joah, blöd gelaufen, kann man nix machen"?

NWB

Ich bin nicht sicher, ob ich das Problem verstehe.
Passt die Eingruppierung nicht zur ausgeübten Tätigkeit?
Sind die übertragenen Tätigkeiten nach eigenem Gefühl nicht durchführbar, obwohl der AG damit zufrieden ist?
Was ist beabsichtigt?

Eine Änderung der Tätigkeitsbeschreibung ohne Änderung der Eingruppierung zu erwirken erscheint mir irgendwie nicht sonderlich zielführend.

Aber vielleicht bin ich auch schon zu lange in einer Verwaltung.

Mir hat mal jemand gesagt, große organisatorische Abläufe einer Verwaltung beeinflussen zu wollen ist in etwa so wie auf einem Kreuzfahrtschiff zu stehen, einen Löffel ins Wasser zu halten und zu erwarten, dass das Schiff den Kurs ändert.