Autor Thema: [NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen  (Read 11208 times)

MoinMoin

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #135 am: 14.03.2019 22:09 »
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich empfinde dies beschriebene Form der Nicht-Beteiligung der niedersächsischen Beamten am Aufschwung der letzten Jahre eher als nicht so ergiebig und sie zugleich von der gesamten Art her auch verhältnismäßig wenig wertschätzend. Aber das ist nur mein (moralisches) Fazit.
Ja, Produktivität ist schwer bis gar nicht messbar im Sozialen Sektor bzw. in den Kernaufgaben des öDs.
Daher ist ja auch diese Spaltung im Einkommenszuwachs nachvollziehbar (Ein Handwerker, kann heutzutage locker die Doppelte Leistung bringen wie vor 20 Jahren, dank der Technik, eine Pflegekraft eher halb so viel dank der Dokumentationspflichten).
Ohne auf deine Berechnungen einzugehen folgende Anmerkungen: Solange die restliche Bevölkerung einen Reallohnzuwachs hat, steht dies auch den Beamten zu.
Moralisch natürlich auch den Tarifbeschäftigten. Erste haben mehr oder minder einen entsprechenden Rechtsanspruch, letztere sind da in der Hand der Gewerkschaften und dem moralischen Empfinden der AG (als letztendlich, theoretisch vom Volk).
Und ja: es ist ein Verhöhnung der wirtschaftlichen Tatsachen von eine Belastung der öffentlichen Haushalte zu sprechen, wenn man von einer Belastung spricht, bei einem Reallohnausgleich, wo doch durch die Inflation
a) die Schulden schrumpfen
b) Die Steuereinnahmen steigen
aber so funktioniert Politik: maximale Desorientierung des "Volkes"

MoinMoin

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #136 am: 14.03.2019 22:36 »

PS: Um zu sehen wie niedrig/hoch die monetäre Wertschätzung ist, sollte man nicht mit der Inflation rechnen, sondern tatsächlich mit der (Netto) Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen AN, sowie den Untergruppe der anderen Kollegen (Tarifler).

SwenTanortsch

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #137 am: 15.03.2019 01:24 »
Ich stimme Dir in allem eins zu eins zu, MoinMoin. Und leider ist es auch mit Blick auf die Tarifbeschäftigten so, wie Du schreibst - dass nämlich die Gewerkschaften und Verbände (etwas allgemein gesprochen, das gilt für einzelne von ihnen zu differenzieren) durchaus streckenweise etwas härter verhandeln könnten. Aber das ist zugleich auch wieder ein weites Feld - denn dazu müssten sich nicht zuletzt die Gewerkschaften auch der tatsächlichen Streik- oder Arbeitskampfbereitschaft ihrer Mitglieder und Nicht-Mitglieder sicherer sein, was die Gewerkschaften selbst bis zu einem gewissen Grad selbst in der Hand hätten, indem sich einerseits ein (noch) größerer Teil der Beschäftigten durch das Gewerkschaftshandeln von jenen stärker vertreten fühlte und indem sie andererseits ihre Konkurrenzen untereinander zurückstellen könnten. Und zugleich sind ja politische Verhandlungen und Prozesse doch recht hartes Brot, weshalb sich in den Beschäftigungs- und Dienststellen zumeist auch nicht unendlich viele Kollegen finden, die jenes Geschäft der Interessensauseinandersetzungen - wenn es sein muss, dann auch mal mit härteren Bandagen - betreiben wollen (sage ich als Gewerkschaftsmitglied und Personalrat). Darüber hinaus dürfte nicht nur während der Tarifverhandlungen eine durchaus größere Solidarität von uns Beamten mit den Tarifbeschäftigten erfolgen. Die Sichtweise nicht weniger Tarifbeschäftigter, dass sie nämlich die Knochen hinhalten, am Ende aber die Beamten davon mindestens genauso stark (und auch jetzt wieder vielfach sogar stärker) profitieren, ist nicht von der Hand zu weisen.

Heute abend habe ich mir noch einmal die reale Bruttobesoldungsentwicklung in Niedersachsen seit 2002 angeschaut und sie mal durchgerechnet. Noch besser hätte ich es gefunden, wenn ich die Nettowerte hätte ermitteln können, denn sie sind noch aussagekräftiger. Aber dazu fehlen mir derzeit die entsprechenden Tabellen der jeweiligen Jahre. Mal gucken, vielleicht schaue ich morgen oder die Tage mal nach jenen. Die Bruttowerte sind allerdings auch schon für sich betrachtet interessant genug, finde ich. Ich mache sie morgen hier mal öffentlich (jetzt ist es schon etwas spät).

MoinMoin

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #138 am: 15.03.2019 06:58 »
- dass nämlich die Gewerkschaften und Verbände (etwas allgemein gesprochen, das gilt für einzelne von ihnen zu differenzieren) durchaus streckenweise etwas härter verhandeln könnten.
Das was zum kotzen ist, dass die Gewerkschaft sich für einen Abschluß feiert, der eben für die Gesamtheit nur ein marginaler Reallohngewinn darstellt.
Ein klares und deutliches: Wir haben leider nur einen Reallohnausgleich mit einem kleinen Puffer für Inflationssteigerung aushandeln können, mehr sind die Mitarbeiter dem Arbeitgeber leider nicht wert.
Und übrigens konnte wir die gleiche Bezahlung von Männer/Frauen/Divers verteidigen.  ::)

Solange die nicht so rumlügen werde ich nicht wieder Gewerkschaftsmitglied und bleibe nur Personalrat. Da kann ich wenigstens was bewegen.

Nordlicht

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #139 am: 15.03.2019 07:17 »
Vielen Dank für die Mühe, die Ihr (und insbesondere Du, SwenTanortsch) Euch hier macht.
Ich verweise nur allzu gerne Kollegen/innen, die den Tarifabschluss und die Übertragung für grandios halten, auf dieses Forum.
Auch wenn ich bei manchen vielleicht zu viel voraussetze, wenn ich annehme, dass sie Eure Ausführungen und Berechnungen auch tatsächlich verstehen (bzw. verstehen wollen).
Hier wird einem gerade nochmal ganz deutlich vor Augen geführt, was für eine Verarsche das Ganze doch eigentlich (mal wieder!) ist.

MoinMoin

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #140 am: 15.03.2019 07:33 »
Wobei ich "zufrieden" bin mit dem Abschluss, weil ich tatsächlicher mit noch weniger gerechnet habe.

TV-Ler

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #141 am: 15.03.2019 08:58 »
Solange die nicht so rumlügen werde ich nicht wieder Gewerkschaftsmitglied und bleibe nur Personalrat. Da kann ich wenigstens was bewegen.
Unter der Voraussetzung, das du eigentlich schreiben wolltest Solange die weiter so rumlügen ..., kann ich dir da voll und ganz zustimmen: Weitaus ärgerlicher als die mageren Ergebnisse der vergangenen X Tarifrunden, ist das anschließende Hochjubeln dieser Ergebnisse durch die Gewerkschaften, allen voran Verdi!

Wobei es sich mir bis heute nicht erschließt, was die Gewerkschaftsspitzen damit bezwecken.
Ist es die Befürchtung, die Atmosphäre bei den folgenden Verhandlungen zu belasten wenn man zwar - die eigene Schwäche in Rechnung stellend - dem Ergebnis zähneknirschend zustimmt und anschließend dennoch gegenüber den Mitgliedern Klartext redet?
Oder hält man es für unabdingbares staatstragendes Verhalten, wenn man miese Ergebnisse verbal bis zum abwinken aufhübscht um nicht Gefahr zu laufen, andernfalls Aufstände zu provozieren?

Oder ist es die Genickbrechererfahrung von Anfang der 1990er Jahre als die damalige ÖTV den Innenminister Zimmermann in die Knie zwingen wollte und am Ende trotz vollem Prgramm inkl. Urabstimmung, Streik, Schlichtung, Urabstimmung, weiterem Streik und endlichem Ergebnis das nicht über dem Schlichtungsergebnis lag, die bis heute den Funktionären in den Knochen steckt?

Wie auch immer, mit dem baldigen Abtritt von Frank Bsirske besteht zumindest die Chance, das der Nachfolger einen anderen Kurs verfolgen und zu diesem Zewck auch bereit sein wird, das Ruder herumzureißen...

MoinMoin

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #142 am: 15.03.2019 12:51 »
Solange die nicht so rumlügen werde ich nicht wieder Gewerkschaftsmitglied und bleibe nur Personalrat. Da kann ich wenigstens was bewegen.
Unter der Voraussetzung, das du eigentlich schreiben wolltest Solange die weiter so rumlügen ..., kann ich dir da voll und ganz zustimmen: Weitaus ärgerlicher als die mageren Ergebnisse der vergangenen X Tarifrunden, ist das anschließende Hochjubeln dieser Ergebnisse durch die Gewerkschaften, allen voran Verdi!

Wobei es sich mir bis heute nicht erschließt, was die Gewerkschaftsspitzen damit bezwecken.
Ist es die Befürchtung, die Atmosphäre bei den folgenden Verhandlungen zu belasten wenn man zwar - die eigene Schwäche in Rechnung stellend - dem Ergebnis zähneknirschend zustimmt und anschließend dennoch gegenüber den Mitgliedern Klartext redet?
Oder hält man es für unabdingbares staatstragendes Verhalten, wenn man miese Ergebnisse verbal bis zum abwinken aufhübscht um nicht Gefahr zu laufen, andernfalls Aufstände zu provozieren?

Oder ist es die Genickbrechererfahrung von Anfang der 1990er Jahre als die damalige ÖTV den Innenminister Zimmermann in die Knie zwingen wollte und am Ende trotz vollem Prgramm inkl. Urabstimmung, Streik, Schlichtung, Urabstimmung, weiterem Streik und endlichem Ergebnis das nicht über dem Schlichtungsergebnis lag, die bis heute den Funktionären in den Knochen steckt?

Wie auch immer, mit dem baldigen Abtritt von Frank Bsirske besteht zumindest die Chance, das der Nachfolger einen anderen Kurs verfolgen und zu diesem Zewck auch bereit sein wird, das Ruder herumzureißen...
Ja, war so gemeint, da fehlte mir der 2. Espresso.
Und ich hoffe auch auf einen ehrlichen B. Nachfolger.

SwenTanortsch

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #143 am: 15.03.2019 13:35 »
Nun gut, so wie gestern angekündigt, erfolgt hier jetzt die Auflistung der realen Bruttobesoldungsentwicklung eines niedersächsischen Landesbeamten analog dem von MoinMoin und mir bislang als Beispiel herangezogenen A13Z‘ler, der die letzte Erfahrungsstufe (der Stufe 12) erreicht hat und keine weiteren Zuschläge erhält (das Faktum, dass es praktisch unmöglich ist, dass ein Kollege 17 Jahre in der letzten Dienstalters- bzw. Erfahrungsstufe verbliebe, ohne zwischenzeitlich pensioniert worden zu sein, wird nachfolgend vernachlässigt; um die Entwicklung statistisch zu erfassen, benötigt man ein unverändertes Datum). Ich werde zur Berechnung und historischen Entwicklung – sofern nötig – hier jeweils ein paar Zeilen schreiben (wodurch der Beitrag recht lang wird). Wen vor allem das reine Ergebnis interessiert, der betrachtet den letzten Absatz dieses Beitrags oder überspringe einfach diesen Beitrag und betrachte den nächsten, in welchem ich ohne weitere Kommentare die monetäre und prozentuale Entwicklung der realen Bruttobesoldung seit 2002 aufliste.

Nun gut, zunächst zum Zeitraum: Das Jahr 2002 sollte die Grundlage sein, weil es das letzte war, in dem noch die sogenannte Besoldungseinheit gegolten hatte. Denn im Sommer 2003 kündigte die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL), die Arbeitgebervertretung der Länder, einseitig die Sonderzahlungstarife (also: die bundeseinheitlichen Urlaubs- und Weihnachtsgeldsgeldtarife) für Landesbeamte. Die Kündigung war möglich, weil Sonderzahlungen als punktuelle Beiträge nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht zu den hergebrachten Grundsätzen des Berufsbeamtentums zählen.

Mit der einseitigen Kündigung der Sonderzahlungstarife machten es die Arbeitgebervertreter den Arbeitnehmervertretungen unmöglich (das war das Ziel der Arbeitgeber), weiterhin über bundeseinheitliche Tarife zu verhandeln. Dadurch konnten die Länder jeweils selbstständig über die Sonderzahlungen in ihrem Land entscheiden, was ab 2003 ausnahmslos alle (genauso wie der Bund zunächst auch) zur Entlastung ihres jeweiligen Haushalts nutzten (hier liegt übrigens ein gewichtiger weiterer historischer Grund für gewachsene Ängste der Gewerkschaften und Verbände, die TdL zeigte 2003, dass sie die Salamitaktik beherrscht und dass sie sie zukünftig erneut anwenden könnte; nicht umsonst scherte Hessen bereits 2003 aus der TdL aus, Niedersachsen hat zwischen 2014 und 2018 die Besoldungsgesetze ohne Beachtung der Tarifergebnisse beschlossen; die Gewerkschaften und Verbände wollen unter allen Umständen weitere Vereinzelungen verhindern, das dürfte richtig sein, schränkt allerdings ihre Verhandlungsposition nicht unerheblich ein).

2002 betrug das sogenannte Weihnachtsgeld bundeseinheitlich 86,31 Prozent eines Monatsgehalts (1994 war es bundeseinheitlich auf den Wert von 1993 eingefroren worden; der gleiche Prozess, der durch die aktuelle Tarifeinigung bei den Tarifbeschäftigten nun zur (versteckten) Absenkung der Entlohnung erfolgt). Das sogenannte Urlaubsgeld betrug für die Besoldungsgruppe A13 bundeseinheitlich 255,65 Euro. Unser niedersächsischer Beamter dieser Besoldungsgruppe wurde 2002 in der letzten Dienstaltersstufe brutto mit nominal 49.352,12 Euro besoldet. Nominal bedeutet, dass der Verbraucherpreisindex – also vereinfacht: die Inflationsrate, also die jährliche Geldentwertung – nicht beachtet wird. Im Jahr 2018 wurde der gleiche niedersächsische Landesbeamte brutto mit nominal 61.472,21 Euro besoldet. Die Besoldung stieg in den 17 Jahren zwischen 2002 und 2018 nominal also um 24,56 Prozent, also um rund 1,5 Prozent pro Jahr, was sich erst einmal erfreulich anhört.

Die Betrachtung der Nominalwerte hat aber, betrachtet man die Realität, keinen großen Wert, da sie ja die Geldentwertung vernachlässigt. Die Inflationsrate betrug im Jahr 2002 1,4 Prozent (hier wie im folgenden benutze ich die Werte für die gesamte Bundesrepublik, da ich nicht für alle Jahre den niedersächsischen Verbraucherpreisindex gefunden habe). Die reale Bruttobesoldung unseres Beamten betrug also im Jahr 2002 98,62 Prozent der Nominalbesoldung (100 x 100 / 101,4), also 48.670,73 Euro. Dieser reale Bruttobesoldungswert wird nun zur Grundlage der weiteren Betrachtung herangezogen. Er ist die Basis, der Ausgangspunkt, der weiteren Berechnungen, wird also als Prozentwert 100 gesetzt.

Im Jahr 2003 gewährte das Land Niedersachsen unserem Beamten eine um sechs Monate verzögerte Besoldungserhöhung von 2,4 Prozent (also eine, auf‘s Jahr gesehen, tatsächliche Erhöhung um 1,2 Prozent). Zugleich wurde weiterhin das Urlaubsgeld gewährt, das Weihnachtsgeld wurde allerdings auf 65 Prozent eines Monatsgehalts verringert (unter Beibehaltung des Referenzjahrs 1993 hätte es 2003 84,29 Prozent eines Monatsgehalts betragen; es wurde also de facto um rund 20 Prozentpunkte gekürzt). Da die Inflationsrate 1,1 Prozent betrug, verringerte sich die reale Bruttobesoldung gegenüber dem Basisjahr 2002 auf 98,53 Prozent.

2004 erfolgten zwei Besoldungsanpassungen, zum April und August wurde die Besoldung um jeweils ein Prozentpunkt erhöht, gleichzeitig fiel das Urlaubsgeld, und zwar fortgeführt bis heute endgültig weg und wurde das Weihnachtsgeld als feste Pauschale mit 4,17 Prozent in das Monatsgehalt mit eingerechnet (es wurde also de facto auf rund 50 Prozent eines Monatsgehalts gekürzt, also gegenüber 2003 noch einmal um rund 15 Prozentpunkte). Die Geldentwertung stieg ganzjährig um 1,6 Prozent. Die reale Bruttobesoldung verringerte sich nun gegenüber 2002 auf 97,54 Prozent.

Im Jahr 2005 erfolgte keine Besoldungserhöhung und wurde unserem Beamten (bis heute fortgeführt) kein Weihnachtsgeld mehr gezahlt. Da die Inflationsrate 1,6 Prozent betrug, sank die reale Bruttobesoldung auf 93,01 Prozent.

2006 erhielten die Bundesländer im Zuge der Föderalismusreform I die vollständige Gesetzgebungskompetenz über das Besoldungs- und Versorgungsrecht zurück. Es war 1970 mittels Verfassungsänderung auf den Bund übertragen worden, da die vormalige Zuständigkeit im Landesrecht zu einem immer extremeren Wettbewerbsföderalismus zwischen Ländern geführt hatte, der den öffentlichen Dienst zum Teil in schweres Fahrwasser brachte. Ab 1970 galt dann die Tarifeinheit mit ihrer kooperationsföderalistisch befriedenden Wirkung (1975 und 1978 war die bundesweite Vereinheitlichung der Besoldung vollzogen worden).

2006 stellte man nun allerdings den Zustand von vor 1970 wieder her; Wettbewerbsföderalismus war (und ist bis heute) das Credo des Zeitgeists, der öffentliche Dienst geriet von daher wie auch vor 1970 mehr oder minder zwangsläufig in schwere Fahrwasser: Konkurrenz, Qualitäts- und Motivationsverluste, Fachkräftemangel und Verschleiß sind die sichtbaren Folgen, die jedem 2006 als zukünftige Folgen vor Augen stehen mussten, der nicht geschichtsvergessen war – damit schwächte man zugleich auch die Positionen der Gewerkschaften und Verbände noch einmal, da nun jedes einzelne Land mit Blick auf die Besoldung die Macht in eigenen Händen hält. Im gleichen Jahr erfolgte in Niedersachsen erneut keine Besoldungserhöhung, die Geldentwertung vollzog sich mit 1,5 Prozent, die reale Bruttobesoldung fiel gegenüber 2002 auf 91,6 Prozent.

Im Jahr 2007 erfolgte ein weiteres Mal keine Besoldungserhöhung, wenige Wochen vor der Landtagswahl wurde unserem Beamten allerdings von der schwarz-gelben Regierungsmehrheit im Landtag eine einmalige Sonderzahlung von 860 Euro gewährt; sie hellte den Verfall der realen Bruttobesoldung etwas auf, konnte allerdings nicht verhindern, dass diese bei einer Inflationsrate von 2,3 Prozent auf 91,18 Prozent gegenüber dem Basiswert von 2002 fiel.

2008 erfolgte zum Januar eine Besoldungserhöhung von drei Prozent, welche den Verfall der realen Bruttobesoldung in Niedersachsen deutlich verlangsamte, jedoch noch nicht zur Umkehr des Verfallsprozesses führte. Die reale Bruttobesoldung lag mit 89,92 Prozent gegenüber 2002 um mehr als zehn Prozentpunkte niedriger als noch sechs Jahre zuvor. Die reale (also die Inflationsrate mit einbeziehende) Bruttobesoldung war vergleichend von 48.670,73 Euro auf 43.763,44 Euro, also um knapp 5.000 Euro, gesunken (nominal war sie von 49.352,12 Euro 2002 auf 49.338,72 Euro gesunken). Damit war die Talsohle erreicht.

Denn 2009 erfolgte eine – wenn auch um zwei Monate zeitverzögerte – Besoldungserhöhung um weitere drei Prozent (auf‘s ganze Jahr gesehen also um 2,5 Prozent), die insofern deutlichere Wirkung zeigte, weil die Inflationsrate nur bei 0,3 Prozent lag. Die reale Bruttobesoldung stieg auf 92,27 Prozent, einem Wert, bei dem sie in den nächsten vier Jahren weitgehend verharrte. Denn die erneut um zwei Monate zeitverzögerte Besoldungserhöhung um 1,2 Prozent ließ sie 2010 bei einer Inflationsrate von 1,1 Prozent auf 92,69 Prozent steigen; während die wiederum um zwei Monate zeitverzögerte Besoldungserhöhung 2011 mitsamt einer Einmalzahlung von 360 Euro die reale Bruttobesoldung weiterhin bei 92,63 Prozent stagnieren ließ (sie lag nun nominal knapp 3.600 Euro höher, real – also tatsächlich – allerdings knapp 3.600 Euro niedriger als 2002), was sich auch 2012 trotz einer nicht zeitverzögerten Besoldungsanpassung von 1,9 Prozent nicht änderte, da die Inflationsrate bei 2,0 Prozent lag. Die reale Bruttobesoldung fiel gegenüber 2002 auf 92,6 Prozent.

Seitdem ist sie nun – mehr oder minder kontinuierlich – angestiegen. 2013 lag sie nach einer Besoldungserhöhung von 2,65 und einer Inflationsrate von 1,5 Prozent real um noch rund 3.100 Euro niedriger als 2002 (93,64 Prozent). 2014, als die Zeitverzögerung der Besoldungserhöhung wie auch in den nächsten Jahren bis einschließlich 2018 fünf Monate betrug, erfolgte eine nominale Besoldungserhöhung um 2,95 Prozent (auf‘s ganze Jahr gesehen also um 1,72 Prozent), während die Inflationsrate nur 0,9 Prozent betrug. Die reale Bruttobesoldung lag nun bei 94,41 Prozent gegenüber 2002. Auch 2015 und 2016 lag die Inflationsrate mit 0,3 und 0,5 Prozent sehr niedrig, während die Besoldung nominal um 2,5 und 2,0 (real also um 1,46 und 1,17) Prozent stieg, sodass sich der Abstand zur realen Bruttobesoldung von 2002 weiter verringerte, nämlich auf 96,65 und 98,29 Prozent. 2016 lag sie real noch gut 1.400 Euro niedriger als 2002.

2017 und 2018 stieg die Inflationsrate wieder, nämlich auf 1,5 und 1,8 Prozent, gleichzeitig wurde die Bruttobesoldung nominal erneut um 2,5 und 2,0 Prozent erhöht, die reale Bruttobesoldung näherte sich noch einmal dem Wert von 2002 an, sie lag ihm gegenüber nun bei 99,05 bzw. 99,45 Prozent. Im Moment liegt die reale Jahresbruttobesoldung also noch um knapp 270 Euro niedriger als 2002. Es gilt insofern weiterhin das aktuelle Färber-Zitat, das ich gerne benutze, weil es die Realität schlagend auf den Punkt bringt, nämlich dass „die Beamtenbezüge und hier insbesondere die höheren Besoldungsgruppen noch nicht oder gerade erst wieder auf dem Reallohnniveau von 2003“ angelangt seien.

Fasst man die Ergebnisse zusammen, indem man nun berechnet, um welchen Gesamtbetrag die Besoldung höher gelegen hätte, wenn die reale Bruttobesoldung von 2002 bis 2018 mit einem Inflationsausgleich (also ohne reale Bruttoerhöhung) fortgeführt worden wäre, dann kommt man auf einen Wert von: 42.095,95 Euro. Das entspricht in etwa 86,5 Prozent der realen Bruttobesoldung des Jahrs 2002 von 48.670,73 Euro – oder anders ausgedrückt: Die Einsparung beträgt in den 16 Jahren jährlich durchschnittlich 5,4 Prozent – oder noch einmal anders ausgedrückt: Das Gehalt unseres Beamten ist seit 2002 bis 2018 pro Jahr im Durchschnitt um 5,4 Prozentpunkte gekürzt worden.

SwenTanortsch

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #144 am: 15.03.2019 13:38 »
Jahr   reale Bruttobesoldung      Differenz zu 2002
               in Euro   in Prozent
                     (2002 = 100)

2002   48.670,73         0      0
2003   47.956,72         714,01   98,53
2004   47.475,17         1.195,56   97,54
2005   45.267,01         3.403,72   93,01
2006   44.596,39         4.74,34   91,6
2007   44.377,93         4.292,8   91,18
2008   43.763,44         4.907,29   89,92
2009   44.908,26         3.762,47   92,27
2010   45.114,24         3.556,49   92,69
2011   45.085,12         3.585,61   92,63
2012   45.070,0         3.600,73   92,6
2013   45.575,92         3.094,81   93,64
2014   45.951,25         2.719,48   94,41
2015   47.040,93         1.629,8   96,65
2016   47.837,25         833,48   98,29
2017   48.212,88         457,85   99,05
2018   48.403,22         267,51   99,45

Buccaneer

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #145 am: 15.03.2019 17:11 »
Respekt für diesen Aufwand!!! Vor allem die letzte Tabelle zeigt sehr schön, wo wir eigentlich stehen...
Böse Zungen mögen nun wettern, dass sich nur jemand im öD leisten kann, so viel Zeit zu investieren, aber es muss sich ja auch einer finden der es tatsächlich tut, also: chapeau!!

_restore

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #146 am: 15.03.2019 20:06 »
- dass nämlich die Gewerkschaften und Verbände (etwas allgemein gesprochen, das gilt für einzelne von ihnen zu differenzieren) durchaus streckenweise etwas härter verhandeln könnten.
Das was zum kotzen ist, dass die Gewerkschaft sich für einen Abschluß feiert, der eben für die Gesamtheit nur ein marginaler Reallohngewinn darstellt.
Ein klares und deutliches: Wir haben leider nur einen Reallohnausgleich mit einem kleinen Puffer für Inflationssteigerung aushandeln können, mehr sind die Mitarbeiter dem Arbeitgeber leider nicht wert.
Und übrigens konnte wir die gleiche Bezahlung von Männer/Frauen/Divers verteidigen.  ::)

Solange die nicht so rumlügen werde ich nicht wieder Gewerkschaftsmitglied und bleibe nur Personalrat. Da kann ich wenigstens was bewegen.

Hätten sie den Abschluss so verkauft, würden jetzt weniger Bedienstete mit dem Verhandlungsergebnis zufrieden sein. Im Moment sind ja tatsächlich die allermeisten sehr glücklich, freuen sich über ihre „8%“ und den „besten Abschluss aller Zeiten“. Wenn die Gewerkschaften nur einen Reallohnausgleich verkündet hätten, wären alle (außer uns hier im Forum)  traurig gewesen.
Vielleicht geht es den Gewerkschaften einfach nur um die Zufriedenheit ihrer Mitglieder. Glück vor Wahrheit. Darum erzählen Eltern ihren Kindern ja auch vom Weihnachtsmann.

Also sollten wir uns vielleicht nicht zu sehr aufregen? Geschieht sicher in bester Absicht...

allesok

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #147 am: 16.03.2019 09:48 »
Hallo SwenT... willst du das nicht mal an die Regierung und an die Gewerkschaften senden. Ich habe die Erfahrung gemacht, das die darauf antworten. Wenn auch negativ

SwenTanortsch

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #148 am: 18.03.2019 08:59 »
Und eine weitere Folge des insgesamt eher etwas überschwänglichen Anpreisens des tatsächlichen Ergebnisses sind die entsprechenden Reaktionen anderer Interessensgruppen, die der Öffentlichkeit nun die vermeintlichen Wohltaten für das niedersächsische Berufsbeamtentum vor Augen führen: https://www.nwzonline.de/politik/niedersachsen/sonderzahlung-fuer-beamte-steuerzahlerbund-greift-spd-an_a_50,4,894673037.html

Ich muss mal schauen, was ich mit den Daten mache, die ich am Wochenende zugleich anhand der realen Verbrauchpreisindices des Lands Niedersachsen präzisiert habe, was zu graduellen Veränderungen geführt hat - die Verbraucherpreisentwicklung fällt in Niedersachsen weitgehend gleich zu der in Deutschland insgesamt aus: die real Bruttobesoldung fiel so im Durchschnitt pro Jahr um rund 55 Euro niedriger als in der letzten Berechnung aus; allerdings war der Ausgangswert 2002 höher, sodass die Spreizung insgesamt höher ausfällt, der niedersächsisches Bruttonominallohnindex sollte bei 94,2 Prozent liegen, was zu einer Differenz in der Bruttobesoldung von rund 45.000 Euro (nicht rund 42.000, die auf Grundlage der bundesdurchschnittlichen Werte das Ergebnis der letzten Berechnung waren) in 16 Jahren bzw. von gut 2.800 Euro (nicht gut 2.600 Euro) pro Jahr führt.

Ich gehe zugleich davon aus, dass sowohl die Arbeitgeber- als auch die Arbeitnehmerverbände entsprechend eigene Berechnungen vornehmen dürften, sodass sie von den Ergebnissen eher wenig überrascht sein dürften. Vielleicht muss man sie irgendwo anderweitig veröffentlichen, eventuell auch den Oppositionsparteien zur Verfügung stellen. Die Tage werde ich mal eine Berechnung der realen Nettobesoldung vornehmen; jene ist insofern interessanter, weil so ersichtlich wird, was am Ende tatsächlich durchschnittlich im Portemonnaie gegenüber 2002 gefehlt hat. Tendenziell dürfte die Differenz hier geringer ausfallen, da tendenziell geringere Bruttobesoldungen insgesamt zu einer geringeren Besteuerung führen (die kalten Progression wirkt hier umgekehrt).

Interessant sind auch noch der folgende Artikel:
https://www.rundblick-niedersachsen.de/neuer-plan-500-euro-weihnachtsgeld-fuer-beamte-aber-nur-wenn-die-kasse-voll-bleibt/
http://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Niedersachsen/Mehr-Geld-fuer-Niedersachsens-Beamte-SPD-will-noch-mehr
https://www.welt.de/regionales/niedersachsen/article190228339/SPD-will-Beamte-besser-stellen.html

Nordlicht

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Antw:[NI] Besoldungsrunde 2019 - Niedersachsen
« Antwort #149 am: 18.03.2019 10:00 »
Ja, den Artikel habe ich Samstag auch bereits in unserer Tageszeitung gelesen.
Am besten finde ich den Satz von Herrn Zentgraf: "Die Besoldung der Beamten wird doch verbessert."
Eigentlich fehlt da doch tatsächlich noch ein dickes Ausrufezeichen am Satzende, um seine Empörung über die Erhöhung zu unterstreichen. (!)

Verdammt nett, dass wir, wie viele andere Arbeitnehmer in Deutschland auch, etwas mehr Geld bekommen.
Und sowas natürlich wieder mal vom Bund der Steuerzahler. Passt super, denn es gibt ja tatsächlich noch Leute, die glauben, dass Beamte ohnehin keine Steuern zahlen.
Und dass die Tarifangestellten schließlich auch aus Steuergeldern bezahlt werden, ist ohnehin nebensächlich.